Eine Zigarette, die sich über Tage bzw. Seiten hinweg weigert, geraucht zu werden (Historia de un cigarrillo; Geschichte einer Zigarette); Fensterflügel, die je nach Öffnungsgrad Behagen oder Schmerz empfinden und als »Fensterlakaien« den Zutritt der Figuren auf den Balkon regulieren (El vestido blanco; Das weiße Kleid);  ein Balkon, der sich aus Liebeskummer von der Hausfassade stürzt; »Geschirrwesen«, die »gebadet, abgetrocknet und in ihre kleinen Wohnungen gebracht« werden (El balcón; Der Balkon) – Gegenstände, die ein ungewöhnliches Eigenleben an den Tag legen, sind keine Seltenheit in den Texten des Uruguayers Felisberto Hernández (1902-1964). Mehr noch: Die Belebtheit der Dinge wird von Erzählern und Figuren explizit thematisiert, das Verhältnis zwischen Gegenständen und Personen und die Möglichkeit der Beseeltheit von Objekten reflektiert.    

Solcherart Phänomenen der Verlebendigung an sich unbelebter Dinge haben sich unterschiedliche Disziplinen in der letzten Zeit vermehrt zugewandt. Der Workshop knüpft an Überlegungen aus  Forschungsfeldern wie der Dingforschung ebenso wie den Lebenswissenschaften an und verbindet sie mit literaturwissenschaftlichen Fragestellungen: Mit welchen rhetorischen und erzählerischen Mitteln wird die Belebtheit von Gegenständen in fiktionalen Texten erzeugt? Welche Funktionen und Konsequenzen hat das Verwischen der Grenzen zwischen Belebtem und Unbelebtem? Wie lässt sich Lebendigkeit (in und außerhalb eines literarischen Textes) überhaupt erfassen? Diesen und ähnlichen Fragen soll am Beispiel der kurzen Erzählung El balcón (Der Balkon, 1945) des u.a. von Julio Cortázar und Italo Calvino hoch geschätzten, hierzulande aber immer noch recht unbekannten Erzählers Hernández nachgegangen werden.

Der Workshop richtet sich an Wissenschaftler*innen, wissenschaftlichen Nachwuchs und fortgeschrittene Studierende aller Fachrichtungen, die an einem Austausch über verschiedene Konzeptualisierungen und Darstellungen lebender Dinge in der Literatur interessiert sind.

Wir bitten um eine formlose Anmeldung bis zum 18. Juni unter lena.abraham@fu-berlin.de. Den Teilnehmer*innen wird ein digitaler Reader mit den zu diskutierenden Texten zur Verfügung gestellt. 

 

Programm

Teil 1: Textdiskussionen

9:30

Begrüßung & Einführung

10:00

Jane Bennett: Vibrant Matter. A Political Ecology of Things

11:00-11:15

Kaffeepause

11:15

Gilbert Simondon: Die Existenzweise technischer Objekte

Hans Peter Hahn: »Die Unsichtbarkeit der Dinge. Über zwei Perspektiven zu materieller Kultur in den Humanities«

13:00-14:30

Mittagspause

 

Teil 2: Vorträge

14:30

Dorothee Kimmich (Universität Tübingen): »Wie lebendig sind lebendige Dinge?«

15:30

Tobias Cheung (HU Berlin): »Hernández’ unzeitgemäße Ordnung der Dinge als Kritik an einer positivistischen Moderne«

15:30-16:00

Kaffeepause

16:00

Georg Toepfer (ZfL Berlin): »Wider das Eigenleben der Dinge: Zur Rettung des Lebensbegriffs vor seinen stürmischen Liebhabern«

17:00

Abschlussdiskussion

 

Organisation & Konzeption: Lena Abraham & Julia Weber