Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, FU Berlin, WS 2016/17

In den Werken der Autor_innen des Río de la Plata, um die es in diesem Seminar gehen soll, finden sich räumliche und speziell architektonische Darstellungen besonderer Art: Ein „Zuckerhaus“ lässt seine aktuelle Bewohnerin in ihre Vorgängerin mutieren (Silvina Ocampo: „La casa de azúcar“, 1959), die Räume eines Familienstammsitzes im Herzen von Buenos Aires werden auf rätselhafte Weise sukzessive „besetzt“ (Julio Cortázar: „Casa tomada“, 1946), ein Balkon stürzt sich aus Liebeskummer in den Tod (Felisberto Hernández: „El balcón“, 1945). Derart (neo-)phantastisch aufgeladen eröffnen die unterschiedlichen Architekturen bzw. architektonischen Elemente wie Brücke, Tunnel oder Fenster Einblicke in andere Wirklichkeiten und entwerfen einen entautomatisierten Blick auf die Welt. Dabei verhandeln die Texte zugleich eine andere Sicht auf die Literatur. So werden u.a. bei Julio Cortázar (Rayuela, 1963) oder Ernesto Sábato (El túnel, 1948) architektonische Bilder und Konstruktionen zur Aushandlung auch romantheoretischer Überlegungen eingesetzt. Im Seminar werden wir uns zunächst mit den möglichen Wechselbeziehungen zwischen den beiden Künsten Literatur und Architektur beschäftigen und diskutieren, wie der Fokus auf architektonische Darstellungen und einzelne architektonische Elemente wie Tür, Treppe oder Balkon zur Erschließung literarischer Texte genutzt werden kann. Welche Wirkungen und Bedeutungen ergeben sich zudem aus der Verschränkung von literarischen Architekturen und (neo-)phantastischen Erzählweisen? Inwiefern dient der Einsatz architektonischer Elemente in literarischen Texten auch zur Reflexion poetologischer Fragestellungen? Diesen und ähnlichen Fragen werden wir im Seminar nachgehen. Neben Werken Jorge Luis Borges’ und Julio Cortázars, den Galionsfiguren der argentinischen Kurzgeschichte des 20. Jahrhunderts, werden wir uns auch mit Texten anderer Erzähler_innen des Río de la Plata wie Ernesto Sábato, Silvina Ocampo (Argentinien) und Felisberto Hernández (Uruguay) befassen. Gegenstand der Seminardiskussion werden vorwiegend recht kurze Erzählungen sein. Zur Vorbereitung empfiehlt sich die vollständige Lektüre der beiden Romane Rayuela (Julio Cortázar) und El túnel (Ernesto Sábato), aus denen wir Auszüge diskutieren werden.