Dozentin: Dr. Julia Weber

Was sind literarische (Selbst-)Experimente? Wann lassen sich literarische Texte als Selbstversuche beschreiben und womit genau experimentieren sie eigentlich? Worauf rekurriert der aus den Naturwissenschaften entlehnte Begriff des Experiments und inwiefern lässt er sich für ästhetische Fragestellungen fruchtbar machen? Welche Schreibverfahren finden in Experimentalanordnungen (bevorzugt) Verwendung und welche strategischen Ziele werden mit ihnen verbunden?

Dies sind einige der Fragen, die uns im Seminar beschäftigen werden und denen wie anhand von verschiedenen literarischen Texten in zugleich historischer und systematischer Perspektive nachgehen wollen. Beginnend mit einem ersten Block zur Experimentierkunst im Kontext frühneuzeitlicher Wissensproduktion (Petrarca: „Die Besteigung des Mont Ventoux“ (1336), Montaigne: „Essais“ (1580), Bacon: „Novum Organon“ (1620), Rousseau: „Les Confessions“ (1782) und „Rêveries du promeneur solitaire“ (1788)) werden wir uns im zweiten Block mit Schreibpraktiken und Selbstversuchen seit der funktionalen Ausdifferenzierung von Literatur und Wissenschaft im 18. Jahrhundert auseinandersetzen. Hier stehen neben den galvanischen Versuchen des wohl prominentesten ‚Selbstexperimentators‘ Johann Wilhelm Ritter und den literarischen Erzählexperimenten E.T.A. Hoffmanns zum Magnetismus auch Phänomene wie die Hypnoseexperimente der Münchner Psychologischen Gesellschaft oder die Experimentalpraktiken des Tischerückens sowie Drogenexperimente und deren Aufzeichnungsverfahren im Zentrum. Als Ausblick soll die Perspektive um einen transmedialen Vergleich mit aktuellen filmischen und theatralen Selbstexperimenten erweitert werden (u.a. Agnès Varda: „Les Plages d’Agnès“  (2008) Marina Abramović: „The Artist is Present“ (2010)).

Zur Vorbereitung: Michael Gamper: Dichtung als Versuch. Literatur zwischen Essay und Experiment, in: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge XVII, (2007), 593-611.