Architekturen der Seele

Ein Reiseführer in literarische Innenwelten (Julia Weber)

Das Projekt „Architekturen der Seele. Ein Reiseführer in literarische Innenwelten“ analysiert verschiedene literarische Raumdarstellungen mit Blick auf die jeweiligen seelischen und mentalen Prozesse, auf die sie verweisen. Jedes Kapitel meines ,Reiseführers‘, dessen Raumerkundungen von antiken bzw. früh­neuzeitlichen Texten (Darstellung des Seelenkampfes in Prudentius „Psychomachia“, Teresa von Avilas Seelenräume  „El Castillo Interior“ ) über Textbeispiele aus dem 18. und 19. Jahrhundert (Goethe, Brentano, E.T.A. Hoffmann, Stifter) bis hin zu Autoren der Moderne und Postmoderne (Kafka, Beckett, Danielewski) reichen, führt den Leser durch eine besondere Form lite­rarischer Raumkonstruktion, deren Architekturen auf ihre bildsprachlichen Funktionen bei der Verbildlichung dessen, was im ,Inneren‘ der Figuren geschieht, befragt werden. Das Projekt schließt an den so genannten Spatial Turn an, eine Konjunktur von Ansätzen aus den Kulturwissenschaften, die Raumstrukturierungen als Grundlagen des Denkens thematisieren und auf ihre Implikationen für Sinnkonstruktionen befragen. In Erwei­terung des Spatial Turns, der die Architektur als eine Kulturtechnik des „gebauten Raumes“ bisher weitgehend vernachlässigt hat, zielt die Untersuchung darauf ab, die besonderen Implikationen architektonischer Raumkonstruktion für die literarische Subjektkonstitution herauszuarbeiten. Mein Anliegen ist es nicht, eine lückenlose Geschichte der literarischen (Innen-)Raumdarstellungen zu schreiben. Vielmehr möchte ich möglichst unterschiedliche Formen der Verwendung von Architektur in literarischen Texten vergleichend gegenüberstellen, um das Spektrum ihrer formalen, ästhetischen und narrativen Funktionen bei der stets räumlich operierenden Imagination von Innenwelten zu verdeutlichen.

Bauformen des Wissens

Die literarische und medientechnische Erkundung polarer Räume (Dorit Müller)

Reisen ist eine privilegierte Form, Neues zu erfahren, das man aufzeichnen kann, um es in bestehende Wissenssysteme zu integrieren oder diese herauszufordern. Dies gilt umso mehr für Entdeckungsfahrten in unbekannte und gefährliche Räume wie die Polarregionen. Hier herrschen klimatische Extrembedingungen, die das Einüben von Überlebenstechniken in der Kälte fordern und den Entdeckern ein spezielles wissenschaftliches Know How abverlangen. Reisen ins Eis waren spätestens seit der Frühaufklärung Katalysatoren vielfältiger Erkenntnisse in der Nautik, der Meteorologie, der Glaziologie oder auch der Ethnologie. Zudem wurden hier neue mediale Techniken (Kartografie, Fotografie und Film) und literarische Aufzeichnungsformen (Tagebuch, Reiseskizze, Reisebericht, Reiseanekdote etc.) erprobt und evaluiert, um die Besonderheiten des polaren Raumes zu erfassen und das gewonnene Wissen zu verbreiten und archivierbar zu machen.

Im Rahmen des Projektes werden anhand einzelner Expeditionsreisen die medialen Techniken, Aufzeichnungsformen und Präsentationsweisen von Reisewissen in Hinblick auf ihr räumliches Bedingtsein erforscht. Im Zentrum stehen dabei drei Untersuchungskomplexe: erstens die Beschaffenheit der geographischen Räume und ihre Auswirkung auf den Wissensprozess während der Reisen, zweitens die Art und Weise, wie historische und fiktionale Reiseberichte, Fotografien, Karten und Filme die Reiseerfahrung und den Erkenntnisprozess im polaren Raum gestalten und drittens die Formen der Verbreitung, Tradierung und Reformulierung von Raumwissen. Die Studie will unter anderem nachweisen, dass Aufzeichnungsmedien und -formen nicht nur Reisewissen erfassen und präsentieren, sondern aufgrund raumgebender Verfahren wie Fokussieren, Perspektivieren, In-Szene-Setzen oder Rahmen selbst an dessen Konstitution teilhaben. Untersucht werden Tagebücher und Reiseberichte von Georg Wilhelm Steller, Adelbert von Chamisso, Fridtjof Nansen und Alfred Wegener, Reiseerzählungen und Romane von Mary Shelley, Edgar Allan Poe, Georg Heym, Alfred Döblin, Christoph Ransmayr und W.G. Sebald sowie Karten, Fotografien und Filme.

„J’habite ma feuille de papier“

Zur Verknüpfung von gebauten Räumen, Texträumen und ästhetischen Räumen bei Georges Perec, Alain Robbe-Grillet und in der französischen Theorie der 1970er Jahre (Julia Dettke)

In den 1960er und 1970er Jahren lässt sich in der französischen Literatur und Theoriebildung eine Entwicklung beobachten, die als Paradigmenwechsel von der Zeit hin zum Raum beschrieben wird: Im Strukturalismus (bei Foucault, Derrida und Deleuze und Guattari) werden räumliche Relationen, das Nebeneinander und die Diskontinuität zentral, während zugleich in den experimentellen Texten des nouveau roman und bei Oulipo neue Formen von Simultaneität und kombinatorischer Offenheit erprobt werden. Dabei erhalten die Werke eine konkret räumliche Dimension, der im Zuge des spatial turn bislang jedoch kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Doch wie genau gelingt es den narrativen, zeitbasierten Künsten der Literatur und des Films, sich selbst als Raumkünste zu inszenieren? In meinem Dissertationsprojekt möchte ich anhand der Texte „Espèces d’espaces“ (1974) und „La Vie Mode d’Emploi“ (1978) von Georges Perec, dem Roman „Topologie d’une Cité Fantôme“ (1976) und Filmbeispielen von Alain Robbe-Grillet diese enge Verbindung zwischen gebauten Räumen und formalen ästhetischen Gestaltungsprinzipien herausarbeiten. Die Architekturen zum Beispiel des Mietshauses und der Geisterstadt sind nicht nur Schauplatz und Motiv, sondern werden zu Strukturprinzipien und poetologischen Reflexionsräumen der Werke selbst: So entsprechen beispielsweise die Kapitel einzelnen Räumen, die Seiten werden als visuelle, von schwarzen Zeichen durchzogene rechteckige Räume der Schreibbewegung inszeniert, Vorwort, Inhaltsverzeichnis und Vorspann als Schwellenräume des Werks besonders herausgestellt.

Das Ziel meiner Arbeit ist insofern ein doppeltes: Zum einen, die enge Verbindung zwischen gebauten Räumen und ästhetischen Gestaltungsprinzipien auf theoretischer Ebene zu bestimmen. Zum anderen, die konkrete Räumlichkeit der Werke auf paratextueller, materieller und narratologischer Ebene herauszuarbeiten, begrifflich zu systematisieren, und insbesondere ihre zentrale Rolle für die poetologische Selbstreflexion zu verstehen.

Belebte Häuser

Literarische ‚Biotekturen‘ des 20. und 21. Jahrhunderts (Lena Abraham)

Als gebauter Übergang zwischen Ich und Welt hat das Haus von jeher den Blick von Denkern und Literaten auf sich gezogen. Seine Mauern schirmen die Bewohner von einem potentiell feindlichen Außen ab (Heidegger) und bilden einen Raum der „beschützten Innerlich­keit“ (Bachelard). Gleichzeitig ist das Haus dem Menschen nicht nur Behausung, sondern regelrecht „Gehäuse“ (Benjamin). Doch was geschieht, wenn das Haus nicht nur bewohnt, sondern ‚belebt‘ erscheint? Wenn sich die architektonische Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen dem Ich und der Welt verlebendigt? In meiner Dissertation beschäftige ich mich mit literarischen Erzähltexten des 20. und 21. Jahrhunderts, in denen das Haus eine Art Eigenleben entwickelt – indem es beispielsweise atmet oder verfault, seine Lage, Form oder Größe verändert, seine Bewohner aus sich ausstößt oder sich gar zur Erzählinstanz aufschwingt.

Während sich die Forschung in erster Linie auf Werke des 19. Jahrhunderts konzentriert hat, und fiktionale Häuser- und Innenraumdarstellungen bislang meist als Ausdruck eines Ich bzw. als Projektionsfläche seelischer Zustände der Figuren untersucht worden sind, ist die Ausrichtung meines Projekts eine andere. Die Texte des Dissertationskorpus (u.a. Boris Vians Roman L’Écume des jours, Julio Cortázars „Casa tomada“, Ilse Aichingers „Wo ich wohne“, J.G. Ballards High-Rise und Brittani Sonnenbergs Home Leave) brechen mit der übermächtigen Position eines Ich, das Dinge – in diesem Fall: Häuser – zu animieren vermag. Damit verschiebe ich den Fokus von der Beseelung (bspw. bei der Heimsuchung durch Geister in Spukhauserzählungen) auf eine Belebung bzw. Lebendigkeit des Hauses. Der Arbeitsbegriff der ‚Biotektur‘ soll helfen, diese Verschränkung von Lebendigem und architektonisch Konstruiertem in den Blick zu nehmen.

Ziel der Arbeit ist es, die narrativen und rhetorischen Mittel, anhand derer die Belebung in den Werken jeweils erzeugt wird, herauszuarbeiten und zu kontrastieren. Zentral ist dabei die Frage, wie sich die Belebung und Ermächtigung des Hauses auf seine Bewohner auswirkt. Wie also die Texte das Verhältnis zwischen Ich und Haus – und somit auch zwischen Ich und Welt – entwerfen und dabei die Grenze zwischen Lebendigem und Unbelebtem verwischen.

colors