In jüngerer Zeit hat sich die Kulturwissenschaft verstärkt der Architektur und ihren gesellschaftlichen Funktionen zugewandt. Architektur – nach der antiken Auffassung die ‚Mutter‘ der Künste – wird in kulturwissenschaftlicher Perspektive in ihren sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Zusammenhängen untersucht und dabei als eine umfassende gesellschaftliche Kraft neu in den Blick gerückt.

Ziel der Emmy Noether-Nachwuchsgruppe „Bauformen der Imagination. Literatur und Architektur in der Moderne“ ist es, diese erweiterte Perspektive auf Architektur für die Literaturwissenschaft produktiv zu machen und die Verschränkungen zwischen architektonischen Prinzipien und literarischen Verfahrensweisen zu untersuchen. Denn die Bezüge zwischen Architektur und Literatur sind sowohl in historischer als auch systematischer Hinsicht bisher kaum in den Blick geraten. Dies erstaunt umso mehr, als Architektur in literarischen Texten nicht nur als Motiv und Schauplatz, sondern auch als konstruktives Element wirksam wird.

Anhand von exemplarischen Fallstudien möchten wir dazu beitragen, die Geschichte literarischer Bezugnahmen auf Architektur seit dem 18. Jahrhundert zu erhellen. Unser besonderes Augenmerk gilt dabei der Entwicklung neuer methodischer Zugänge, denen es gelingt, die verschiedenen Ebenen der Interaktion von Architektur und Literatur genauer zu bestimmen: Wie wird Architektur in der Fiktion thematisiert und repräsentiert und welche Bedeutungen können ihrer Darstellung in formaler, ästhetischer, narrativer und epistemischer Hinsicht zukommen? Welche konkreten Funktionen übernehmen hierbei ausgewählte architektonische Elemente wie Treppe, Fenster, Balkon, Tür und Korridor? Wie steuert die Bezugnahme auf bauliche Ordnungsprinzipien die Subjektkonstitution in literarischen Texten? Welche Formen der Verschränkung zwischen architektonischem und poetologischem Entwerfen lassen sich in Erzähltexten ausmachen?